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Eine beeindruckende Vorgeschichte
unseres Hauses

Vom "Erhalten" und "Schätzen"
Oder: Aus einer Zeit, in der man nicht "auf", sondern noch "in" dem Haus wohnte...

Was wissen wir eigentlich über unser Haus? Die Fuxia wird (hoffentlich) aufspringen und alles heraussprudeln, was sie in den zahlreichen (?) Fuxenstunden gelernt hat, und wahrscheinlich werden sogar die meisten Burschen und/oder AHAH noch sagen können, das unsere Verbindung im Jahr 1956 nicht zuletzt aufgrund der tat- und finanzkräftigen Hilfe unseres EAH Schlax das Haus Gyrhofstraße 20 beziehen konnte (jaja, u.a. hängt deshalb sein Portrait im Kneipsaal). Unser 40-jähriges Jubiläum in diesem Architekturdenkmal (immerhin einer der ersten Flachbauten in Köln, wie oft und gerne erwähnt wird) ist den meisten sicherlich entgangen, oder man hat sich bei seiner Erwähnung hier im Mitteilungsblatt gewundert, dass wir schon so lange dort wohnen.

Nun ist das Haus aber nicht erst 1956 gebaut worden, sondern hat schon einen Weltkrieg überlebt. Es muss also noch eine Zeit gegeben haben, in der man nicht "auf", sondern "in" dem Haus Gyrhofstraße gewohnt hat. Es ist sicherlich nicht einfach, sich bei dem oftmals chaotischen Zustand des Hauses vorzustellen, dass möglicherweise einmal Kinder auf der Treppe und im (damals noch gepflegten) Garten gespielt haben, eine Köchin leckere Speisen abseits jeder Miracouli-Verirrung in der (damals noch lebensmittelfreundlichen) Küche zubereitet hat und ein über Geschäftszahlen brütender Vater in seinem Büro im Kellergeschoss nicht den heutigen Bier- und Kloakendunst ertragen musste.

Wahrscheinlich hätte niemand auch nur einen Gedanken an diese Zeit verschwendet, wenn nicht Vbr Röhrich im vergangenen Jahr innerhalb weniger Wochen zwei merkwürdige Begegnungen vor dem Haus gehabt hätte.
Zunächst war es eine ältere Dame aus Köln, die sich mit Lotte Thelen vorstellte und angab, einmal als Kindermädchen IN diesem Haus beschäftigt gewesen zu sein. Wenig später interessierte sich dann ein Ehepaar aus Amerika für das Haus. Mrs Hanna Klachko teilte unserem verdutzten Verbindungsbruder sogar mit, das sie IN just diesem Haus geboren worden sei, bevor sie mit ihren Eltern vor den Nationalsozialisten flüchten musste. Adressen/Telefonnummern wurden ausgetauscht, und bei der nächsten VV gab es für die anwesenden Verbindungsbrüder Interessantes zu berichten.

In der Absicht, diese Angelegenheit weiterzuverfolgen, nahm ich seinerzeit die Adressen an mich. Zunächst gab es im Angesicht des Ersten Staatsexamens zwar Wichtigeres für mich zu tun, doch nachdem ich dieses erfolgreich hinter mich gebracht hatte, schwang ich mich im Dezember 1998 an Telefon und WWW-vernetzten Computer, um der Sache auf den Grund zu gehen. Frau Thelen konnte ich auch nach mehrmaligen Versuchen nicht erreichen, doch Mr Klachko war im Cosmopolitan International Diabetes Center der University of Missouri-Columbia online. Seine Frau war von der Idee, etwas über ihre Vergangenheit in der Gyrhofstraße 20 für unser Mitteilungsblatt beizusteuern, begeistert und versprach, sich nach ihrem Urlaub an die Arbeit zu machen.

Kurz vor Redaktionsschluss erreichte mich dann schließlich ein DIN A 4-Umschlag aus den U.S.A., dessen Inhalt ich hier in der deutschen Übersetzung wiedergeben möchte:

"Sehr geehrter Herr Hofmann,

ich bedanke mich für Ihr Interesse, etwas über die Vergangenheit des Hauses Gyrhofstraße 20 herausfinden zu wollen. Es ist mir eine Freude, mein Wissen darüber mit jemandem teilen zu können. Meine in New York lebende Tante und mein älterer Bruder, der in Australien lebt, haben auch beide in dem Haus gewohnt und mir noch weitere Informationen gegeben. Ich habe das Haus im Jahr 1962 mit meiner Mutter besucht; betreten haben wir es seinerzeit jedoch nicht. Als ich dann im Mai letzten Jahres mit meinem Ehemann in der Gyrhofstraße war, ist mir wesentlich bewusster gewesen, was meine Eltern seinerzeit durchmachen mussten. Dieser Besuch war emotional in der Tat sehr schwierig für mich, und ich habe sogar Tränen in den Augen, während ich Ihnen dieses hier schreibe.

Auf der anderen Seite bin ich jedoch sehr erfreut, dass das Haus immer noch steht, denn es ist gerade im Hinblick auf seine Architektur ein ganz besonderes Haus, und ich bin stolz, dass mein Vater einen so großen Anteil an seinem Bau hatte. Ich kann nur hoffen, dass das Haus auch in Zukunft erhalten bleibt und man es weiterhin zu schätzen weiß.

(Die folgenden Seiten erzählen die Geschichte des Hauses.)

Das Haus wurde 1928/29 im Auftrag meiner Eltern, Hugo und Else Wolff, erbaut. Von der Architektur in Palästina inspiriert, hatte mein Vater den Architekten Ulrich Pohl mit der Planung beauftragt. Mein Vater hatte immer ein gutes Auge für solche Dinge gehabt und ist sehr innovativ in dieser Hinsicht gewesen.

Wie mein Bruder mir sagte, war Spann- und Stahlbeton zu dieser Zeit noch nicht sehr bekannt, und das Dach besteht aus ein Meter dickem massiven Beton (ich bezweifle diese Angabe, aber vielleicht stimmt sie ja tatsächlich). Das könnte auch der Grund dafür sein, dass das Haus die Bombenangriffe des Zweiten Weltkrieges unversehrt überstanden hat.

Mein Bruder war noch ein Knirps, als meine Eltern in das Haus einzogen. Ich selber wurde neun Jahre später dort geboren. Zu dieser Zeit hatte sich mein Vater ein sehr erfolgreiches Geschäft im Getreidehandel aufgebaut. Sein Büro hatte er im Keller. Mein Onkel Godfrey, der siebzehn Jahre jünger als mein Vater war, arbeitete dort als Laufbursche und Sekretär. Nach seiner Heirat zog er mit seiner Frau Ellen in das kleine Balkonzimmer, wo die beiden eineinhalb Jahre lebten, bevor sie am 1.April 1938 in die U.S.A. flohen.

Das nationalsozialistische deutsche Regime bedrohte unsere Familie, so dass Ende 1938 die meisten unserer Verwandten in die USA oder nach Südafrika gegangen waren. Mein Vater und meine Mutter konnten jedoch nicht glauben, dass sich das Hitler-Regime lange halten würde, und blieben daher. Die vorherige Regierung hatte sie doch auch fair behandelt. Nach der Kristallnacht im November 1938 wurde mein Bruder der Schule verwiesen. Mein Vater verlor seine Zulassung für die Getreidebörsen und konnte nicht mehr arbeiten. Die Bankkonten wurden eingefroren, Bargeld war nicht mehr zu bekommen, und sie mussten sich ihre Einkäufe anschreiben lassen. Ihnen wurden die Pässe und sämtlicher Schmuck abgenommen. Dank der Hilfe von guten Freunden und rechtzeitiger Warnungen konnte sich mein Vater tagelang vor den Nazis verstecken.

Es war schwierig, ein Visum für andere Länder zu bekommen, wenn man kein Geld hatte. Sie versuchten, Visa für die U.S.A., Südafrika, Argentinien, Israel und Australien zu bekommen. Wir bekamen das Geld schließlich von einem jungen Medizinstudenten, den mein Vater vor Jahren einmal finanziell unterstützt hatte, so dass wir Deutschland Mitte April 1939 mit dem Schiff in Richtung Melbourne/Australien verlassen konnten, wo wir im Mai mit unseren Habseligkeiten ankamen. Meine Mutter sagte mir einmal, dass es das letzte Schiff gewesen sei, welches aus Deutschland herauskommen konnte, bevor dort die Hölle losbrach (bitte entschuldigen Sie diese Wortwahl). Dort waren wir nun: zwei Erwachsene, die des Englischen nicht mächtig waren, ein neun Jahre alter Junge und ein Baby. Es war natürlich nicht einfach, aber wir konnten überleben.

Meine Eltern und Onkel Godfrey sind mittlerweile verstorben. Mein Bruder John lebt immer noch in Cairns/Australien. Ich lebe seit 35 Jahren mit meinem Ehemann David in den USA.

Der Architekturfotograf Werner Mantz richtete 1982 eine Ausstellung über Gebäude aus den Jahren 1926-1932 im Museum Ludwig in Köln aus. Auf der Titelseite des etwa zweieinhalb Zentimeter dicken Ausstellungsbandes war das Haus Gyrhofstraße 20 abgebildet.

Hanna Klachko geb. Wolff"

Wer hätte das gedacht? Da lebt und feiert man seit mehr als 40 Jahren wie selbstverständlich AUF dem Haus, lernt als Fux Daten und Namen aus der Haus- und Verbindungsgeschichte, trägt seinen kleinen, aber feinen Teil dazu bei, das Haus mehr und mehr verkommen zu lassen und findet dann auf fast peinliche Art und Weise heraus, dass es eine Vergangenheit IN diesem Haus gibt, von der man nie etwas gehört hat, von der nichts in den Fuxenordnern steht, die nicht in einer der zahllosen Reden über Haus und Verbindung durchgekaut wurde! Natürlich kann hierfür niemandem die Schuld in die Schuhe geschoben werden, denn nur die wenigsten Käufer einer Immobilie werden wissen, was zwanzig Jahre vor dem Kauf in ihrem "neuen" Haus passiert ist, und wahrscheinlich wird es sie -zu Recht- auch nicht interessieren. Ist es aber nicht so, dass man über UNSER Haus ganz anders denkt, wenn man seine Vorgeschichte nun kennt? Hat nicht jeder von Euch einen Klops im Hals, wenn Mrs Klachko ihrer Hoffnung ("I can only hope") Ausdruck verleiht, dass das Haus auch in Zukunft erhalten ("maintain") bleibt und man es hoffentlich weiterhin zu schätzen ("appreciate") weiß?

"Appreciate" ist ein schönes englisches Wort, das für meine Begriffe etwas mehr aussagt, als es das deutsche Verb "schätzen" kann. Es ist so schön, dass ich es selber manchmal sogar im Deutschen benutzen möchte: "Das ‚appreciate' ich." (klingt albern, aber anglophile Gesprächspartner werden vielleicht verstehen, warum dieses Wort irgendwie mehr Bedeutung transportiert als das deutsche "schätzen"). Auch das Verb "to maintain" hat in meinen Augen etwas Absoluteres als seine deutsche Entsprechung, aber vielleicht fange ich jetzt nur an zu spinnen...

Wie dem auch sei - ich habe mir in der Vergangenheit sicher nicht den Titel "Mister Gyrhofstraße 20" verdient und werde mich möglicherweise auch in Zukunft öfter mal mit fadenscheinigen Ausreden vor den Aufräumwochenenden drücken; trotzdem möchte ich Euch (und damit auch mir) in Kenntnis dieser tragischen Vorgeschichte unseres Hauses mit auf den Weg geben, dass wir es nicht mehr als selbstverständlich ansehen sollten, ein Haus, dieses Haus zu besitzen. Die Bemühungen von EAH Teddy und dem Hausbauverein, es zu erhalten, sollten ebensowenig selbstverständlich für uns sein. Es ist nämlich nicht das Haus von EAH Teddy und dem Hausbauverein, sondern UNSER Haus! Und so würde ich gerne einmal von einem der UNSRIGEN den Satz hören, den Mrs Hanna Klachko in ihrem Brief so trefflich formuliert hat:

Ich kann nur hoffen, dass das Haus auch in Zukunft erhalten bleibt und man es weiterhin zu schätzen weiß.

Andreas Hofmann v. AufMich